12 VII 1892, Drohobytsch (Ukraine) — 19 XI 1942, Drohobytsch

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Biographie
In Drohobytsch geborener Schriftsteller, Grafiker, Maler und Zeichner. Verfasser von Erzählungsbänden Sklepy Cynamonowe (dt. Die Zimtläden) und Sanatorium pod Klepsydrą (dt. Das Sanatorium zur Sanduhr) – weltweit gelesenen und analysierten Erzählungen. Von manchen als kreatives Genie und mythische Figur bezeichnet, inspiriert er heute noch andere Künstler.

Er wurde am 12. Juli 1892 in Drohobytsch in der Familie eines Textilwarenkaufmanns geboren. Die Familie gehörte der jüdischen Gemeinde an, praktizierte jedoch die jüdischen Traditionen nicht. Zu Hause wurde Polnisch gesprochen. Das Haus, in dem Bruno lebte, wurde von ihm in seinem Erzählungszyklus Sklepy Cynamonowe (dt. Die Zimtläden) porträtiert. Nach dem Abitur studierte Schulz Architektur an der Technischen Hochschule in Lemberg. Während des Ersten Weltkriegs verbrachte die Familie Schulz mehrere Monate in Wien. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1915 übernahm Bruno die Verantwortung für den Unterhalt der Familie. 1924 nahm er eine feste Beschäftigung als Zeichen- und später auch als Handarbeitslehrer an einem Gymnasium in Drohobytsch an.

Sein Debüt als Schriftsteller fiel auf das Jahr 1933 – es war die in der Zeitung Wiadomości Literackie (dt. Literarische Nachrichten) veröffentlichte Erzählung Ptaki (dt. Vögel). Im selben Jahr erschien auf Fürsprache der polnischen Dichterin Zofia Nałkowska der Band Sklepy cynamonowe (dt. Die Zimtläden). Der bescheidene Lehrer aus einer Kleinstadt wurde schnell bekannt und zu einer wichtigen Figur im literarischen Leben Warschaus. 1937 veröffentlichte er den Band Sanatorium pod Klepsydrą (dt. Das Sanatorium zur Sanduhr). Er unterhielt Kontakte zu vielen Künstlern und Schriftstellern, darunter Witold Gombrowicz, Artur Sandauer, Witkacy und Debora Vogel. Sowohl seine bildende Kunst als auch sein Schreiben erzählen von der Kompliziertheit und Komplexität des Innenlebens ihres Schöpfers. Bis heute wird nach seinem unveröffentlichten, geheimnisvollen Roman Mesjasz (dt. Messias) gesucht, der wahrscheinlich in Form eines Manuskripts erhalten ist.

1941 marschierten die Deutschen in Drohobytsch ein und Bruno Schulz wurde von dem berüchtigt grausamen Gestapo-Offizier Felix Landau „in Schutz genommen“, für den er verschiedene Malarbeiten ausführte. Er wurde am 19. November 1942 von einem Gestapo-Mann auf offener Straße in seiner Heimatstadt erschossen. Das Werk von Schulz erfreut sich bis heute großen Interesses von Wissenschaftlern und Lesern in aller Welt.

In Drohobytsch geborener Schriftsteller, Grafiker, Maler und Zeichner. Verfasser von Erzählungsbänden Sklepy Cynamonowe (dt. Die Zimtläden) und Sanatorium pod Klepsydrą (dt. Das Sanatorium zur Sanduhr) – weltweit gelesenen und analysierten Erzählungen. Von manchen als kreatives Genie und mythische Figur bezeichnet, inspiriert er heute noch andere Künstler.

Er wurde am 12. Juli 1892 in Drohobytsch in der Familie eines Textilwarenkaufmanns geboren. Die Familie gehörte der jüdischen Gemeinde an, praktizierte jedoch die jüdischen Traditionen nicht. Zu Hause wurde Polnisch gesprochen. Das Haus, in dem Bruno lebte, wurde von ihm in seinem Erzählungszyklus Sklepy Cynamonowe (dt. Die Zimtläden) porträtiert. Nach dem Abitur studierte Schulz Architektur an der Technischen Hochschule in Lemberg. Während des Ersten Weltkriegs verbrachte die Familie Schulz mehrere Monate in Wien. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1915 übernahm Bruno die Verantwortung für den Unterhalt der Familie. 1924 nahm er eine feste Beschäftigung als Zeichen- und später auch als Handarbeitslehrer an einem Gymnasium in Drohobytsch an.

Sein Debüt als Schriftsteller fiel auf das Jahr 1933 – es war die in der Zeitung Wiadomości Literackie (dt. Literarische Nachrichten) veröffentlichte Erzählung Ptaki (dt. Vögel). Im selben Jahr erschien auf Fürsprache der polnischen Dichterin Zofia Nałkowska der Band Sklepy cynamonowe (dt. Die Zimtläden). Der bescheidene Lehrer aus einer Kleinstadt wurde schnell bekannt und zu einer wichtigen Figur im literarischen Leben Warschaus. 1937 veröffentlichte er den Band Sanatorium pod Klepsydrą (dt. Das Sanatorium zur Sanduhr). Er unterhielt Kontakte zu vielen Künstlern und Schriftstellern, darunter Witold Gombrowicz, Artur Sandauer, Witkacy und Debora Vogel. Sowohl seine bildende Kunst als auch sein Schreiben erzählen von der Kompliziertheit und Komplexität des Innenlebens ihres Schöpfers. Bis heute wird nach seinem unveröffentlichten, geheimnisvollen Roman Mesjasz (dt. Messias) gesucht, der wahrscheinlich in Form eines Manuskripts erhalten ist. 

1941 marschierten die Deutschen in Drohobytsch ein und Bruno Schulz wurde von dem berüchtigt grausamen Gestapo-Offizier Felix Landau „in Schutz genommen“, für den er verschiedene Malarbeiten ausführte. Er wurde am 19. November 1942 von einem Gestapo-Mann auf offener Straße in seiner Heimatstadt erschossen. Das Werk von Schulz erfreut sich bis heute großen Interesses von Wissenschaftlern und Lesern in aller Welt.

Die Zimtläden

(Fragment)

In der Zeit der kürzesten, verschlafenen Wintertage, die auf beiden Seiten, sowohl vom Morgen als auch vom Abend her, in die pelzigen Ränder der Dämmerung eingefaßt waren, in der Zeit, in der sich die Stadt, vom kurzen Morgengrauen mühsam zur Besinnung und zur Umkehr gerufen, immer weiter in die Labyrinthe der Winternächte verästelte, war mein Vater schon an jene Sphäre verloren, verkauft und ihr versprochen.

Sein Gesicht und sein Kopf waren damals wild und üppig mit grauem Haar bewachsen, das ihm in unregelmäßigen Büscheln, Borsten und langen Pinseln aus Warzen, Brauen und Nasenlöchern herausragte und seiner Physiognomie das Aussehen eines alten, struppigen Fuchses verlieh.

Sein Geruchsinn und sein Gehör hatten sich unverhältnismäßig geschärft, und man konnte am Spiel seines schweigenden und angespannten Gesichts erkennen, daß er mit Hilfe dieser Sinne dauernd in Kontakt zu einer unsichtbaren Welt stand, der Welt der dunklen Schlupfwinkel, Mauselöcher, Rauchkanäle und der morschen Hohlräume unter den Fußböden.

Alles nächtliche Rascheln und Knacken, das geheime, knarrende Leben der Fußböden hatte in ihm einen unfehlbaren und wachsamen Beobachter, Spion und Verschworenen. Es absorbierte ihn in solchem Maße, daß er sich vollends in diese uns unerreichbare Sphäre verkroch, die er uns auch nicht nahezubringen versuchte.

Manchmal mußte er mit den Fingern schnipsenund leise in sich hineinlachen, wenn die Streiche der unsichtbaren Sphäre allzu absurd wurden; er verständigte sich dann durch Blicke mit unserer Katze, die, ebenfalls in diese Welt eingeweiht, ihr zynisches, kaltes, streifig gezeichnetes Gesicht hob und aus Langeweile und Gleichgültigkeit die schrägen Augenschlitze zukniff.

Es kam vor, daß er beim Mittagessen plötzlich Messer und Gabel weglegte, mit der um den Hals gebundenen Serviette wie eine Katze aufsprang, auf Zehenspitzen zur Tür des angrenzenden leeren Zimmers schlich und mit allergrößter Vorsicht durch das Schlüsselloch spähte. Danach kehrte er irgendwie verschämt an den Tisch zurück, mit einem bekümmerten Lächeln, schnurrend und undeutlich murmelnd, was sich auf den inneren Monolog bezog, in den er vertieft war.

Zu seiner Distraktion und um seine krankhaften Grübeleien zu unterbrechen, zog meine Mutter ihn hinaus auf abendliche Spaziergänge, an denen er schweigend und ohne Widerspruch, allerdings auch ohne Überzeugung, zerstreut und geistesabwesend teilnahm. Einmal gingen wir sogar ins Theater.

Wieder befanden wir uns in dem riesigen, schlecht beleuchteten und schmutzigen, von schläfrigem Stimmengewirr und wüstem Durcheinander erfüllten Saal. Als wir uns durch die Menschenmenge gedrängt hatten, erschien vor uns ein riesiger, blaßblauer Vorhang, wie der Himmel eines anderen Firmaments. Gemalte rosa Riesenmasken mit aufgeblasenen Backen schwebten auf der großen Leinenfläche. Der künstliche Himmel dehnte sich aus und trieb kreuz und quer, blähte sich unter dem mächtigen Atem des Pathos und der großen Gesten, in der Atmosphäre dieser künstlichen und glanzvollen Welt, die sich dort auf den polternden Bühnengerüsten aufgebaut hatte. Der Schauer, der über das riesenhafte Antlitz dieses Himmels glitt, der Atem der gewaltigen Leinwand, aus der die Masken wuchsen und zu Leben erwachten, verriet das Illusorische dieses Firmaments, ließ die Wirklichkeit erbeben, die wir in metaphysischen Augenblicken als schillerndes Geheimnis empfinden.

Die Masken blinzelten mit roten Augenlidern, ihre farbigen Lippen flüsterten lautlos, und ich sah den Moment kommen, in dem die Spannung des Geheimnisses den Zenith erreicht, wenn der gedunsene Vorhanghimmel wirklich aufbricht, wenn er sich hebt und Unerhörtes und Überwältigendes offenbart.

Doch war es mir nicht vergönnt, diesen Moment zu erleben, denn mein Vater verriet die ganze Zeit über gewisse Zeichen von Besorgnis, er griff sich an die Taschen und verkündete schließlich, er habe seine Brieftasche mit Geld und wichtigen Dokumenten vergessen.

Nach kurzer Beratung mit meiner Mutter, bei der die Ehrlichkeit Adelas hastig und pauschal bewertet wurde, schlug man mir vor, ich solle nach Hause auf die Suche nach der Brieftasche gehen. Meine Mutter war der Ansicht, bis zum Beginn der Vorstellung sei noch viel Zeit, und flink wie ich sei, könne ich rechtzeitig zurück sein.

Bruno Schulz, Die Zimtläden
Translated into German by Doreen Daume
© 2008 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

Die Krokodilstraße

(Fragment)

Mein Vater verwahrte in der unteren Schublade seines tiefen Schreibtischs einen alten und schönen Plan unserer Stadt.

Es war ein ganzer Band aus ursprünglich mit Leinenstreifen aneinandergefügten Pergamentseiten in folio, die eine riesige Wandkarte des aus der Vogelperspektive betrachteten Panoramas bildeten.

An die Wand gehängt nahm die Karte nahezu das ganze Zimmer ein und öffnete einen Fernblick auf das gesamte Tal der Tys´mienica, ein sich auf und abschlängelndes blaßgoldenes Band, auf das gesamte weitläufige Feuchtgebiet ineinander übergehender Moore und Teiche und auf das gewellte Vorgebirge, das sich, zuerst in spärlichen, dann in zusehends gedrängteren Hügelketten, nach Süden hin erstreckte, gleich einem Schachbrett aus rundlichen Buckeln, die immer kleiner und immer blasser erschienen, je weiter sie auf den goldenen und rauchigen Dunst des Horizonts zuliefen. Aus dieser verwelkten Ferne der Peripherie tauchte die Stadt empor und wuchs nach vorn hin, zunächst noch in undifferenzierten Komplexen, in kompakten Wohnblöcken und Häusermassen, die nur von tiefen Straßenfluchten durchfurcht waren, um sich aus größerer Nähe gestochen scharf, deutlich wie durch ein Fernrohr betrachtet, in einzelne Zinshäuser zu untergliedern. Hier, im Vordergrund, hatte der Stecher das ganze verschlungene und vielgestaltige Getümmel der Straßen und Gäßchen hervorgehoben, die klare Schärfe der Gesimse, der Architrave, Archivolten und Pilaster, die im späten und dunklen Gold eines düsteren Nachmittags leuchteten, der alle Durchbrüche und Nischen in das tiefe Sepia der Schatten tauchte. Die Körper und Prismen dieser Schatten schnitten sich wie dunkle Honigwaben in die Straßenschluchten, sie überfluteten mit ihrer warmen, saftigen Masse hier eine ganze Straßenhälfte, dort eine Kluft zwischen Häusern, sie dramatisierten und orchestrierten die mannigfaltige architektonische Polyphonie mit düsterer Romantik.

Auf diesem Plan, der im Stil barocker Prospekte gehalten war, leuchtete die Gegend um die Krokodilstraße in dem leeren Weiß, mit dem man auf geographischen Karten üblicherweise die Umgebung der Pole kennzeichnet, der Länder, die noch unerforscht sind oder deren Existenz nicht gesichert ist. Nur wenige Straßen waren dort mit schwarzen Strichen eingezeichnet und mit Namen in schlichten, schmucklosen Buchstaben versehen worden, die sich von der edlen Antiqua anderer Beschriftungen unterschieden. Offenbar hatte der Kartograph sich gesträubt, der Gegend die Zugehörigkeit zum Stadtkomplex zuzugestehen, und hatte seinen Vorbehalten durch diese besondere und geringschätzige Gestaltung Ausdruck verliehen.

Um diese Reserve zu verstehen, müssen wir schon jetzt auf den zweideutigen und dubiosen Charakter des Viertels hinweisen, der so stark von der grundsätzlichen Tonart der ganzen Stadt abwich.

Es war ein Bezirk des Handels und der Industrie, dessen Charakter nüchterner Nützlichkeit durch schrille Töne hervorgehoben wurde. Der Geist der Zeit, der Mechanismus der Wirtschaft hatte auch vor unserer Stadt nicht haltgemacht und bereits seine gierigen Wurzeln in einem Abschnitt der Peripherie geschlagen, wo er ein parasitäres Viertel entstehen ließ.

Während in der Altstadt noch immer der nächtliche illegale Handel mit seinem feierlichem Ritual betrieben wurde, hatten sich in diesem neuen Viertel alsbald die modernen, nüchternen Formen des Kommerzialismus entwickelt. Der Pseudoamerikanismus, der dem alten und morschen Stadtboden aufgepfropft worden war, hatte hier eine üppige, wenn auch leere und farblose Vegetation des minderwertigen, armseligen Schwulsts emporschießen lassen. Man sah hier billige, miserabel gebaute Häuser, deren karikatureske Fassaden mit monströser Stukkatur aus rissigem Gips beklebt waren. Den alten, windschiefen Vorstadthäuschen waren hastig zusammengepfuschte Portale verpaßt worden, die sich erst bei näherer Betrachtung als erbärmliche Imitation großstädtischer Anlagen entpuppten. Die schadhaften, trüben und verschmutzten Fensterscheiben, die in schlierigen Reflexen das dunkle Abbild der Straße brachen, das ungehobelte Holz der Portale und die graue Atmosphäre der brachliegenden Innenräume mit ihren Spinnweben und Staubflocken auf den hohen Regalen und entlang den verwahrlosten und bröckelnden Wänden hatten hier den Läden den Stempel eines wilden Klondike aufgedrückt. So standen Schneidermagazine, Konfektions- und Porzellanlager, Drogerien und Friseurbetriebe in einer Reihe nebeneinander. Ihre riesigen grauen Schaufenster trugen schräg oder bogenförmig verlaufende Aufschriften aus vergoldeten, plastischen Lettern: CONFISERIE, MANUCURE, KING OF ENGLAND.

Die alteingesessenen Bewohner der Stadt hielten sich der Gegend fern, die von Abschaum und Plebs, von charakterlosen, ungefestigten Kreaturen und wahrhaftiger moralischer Schlechtigkeit besiedelt war, von der minderwertigen Spielart des Menschen, wie sie in solch ephemerem Milieu gedeiht. Doch an Tagen des Niedergangs, in Stunden der niedrigen Verlockung kam es vor, daß sich der eine oder andere Stadtbewohner halb zufällig in die zweifelhafte Gegend verirrte. Auch die besten unter ihnen waren nicht ständig davor gefeit, sich freiwillig zu degradieren, Grenzen und Hierarchien zu nivellieren und sich in diesem seichten Pfuhl der Gemeinschaft, der raschen Intimität und der schmutzigen Vermengung zu suhlen. Das Viertel war ein Eldorado für solche moralischen Deserteure, für die Abtrünnigen der eigenen Würde. Alles dort schien verdächtig und zweideutig zu sein, alles ermunterte mit heimlichem Blinzeln, mit zynisch artikulierter Gebärde und deutlich kokettem Augenzwinkern zu unkeuschen Hoffnungen, alles entfesselte die niedrige Natur.

Bruno Schulz, Die Zimtläden
Translated into German by Doreen Daume
© 2008 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau

Aus der Sammlung des Adam-Mickiewicz-Literaturmuseums in Warschau