11 I 1903, Witkowitz (Mähren) — 6 X 1944, KL Auschwitz-Birkenau

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Dichterin, die auf Deutsch und Tschechisch schrieb, Verfasserin von Gedichten, Liedern, Erzählungen und Radiosendungen für Kinder. Eine Krankenschwester, die sich um Kinder im Ghetto Theresienstadt kümmerte, wo sie nie zu schaffen aufhörte.

Sie wurde am 11. Januar 1903 in Witkowitz unweit von Mährisch-Ostrau als Ilse Herlinger geboren. Schon in jungen Jahren begann sie, Kindergeschichten zu schreiben, die schnell populär wurden. 1930 heiratete sie Willi Weber und wohnte in Prag, wo sie für Kindermagazine schrieb und für das tschechische Radio arbeitete. Ziel ihres Schaffens war es, Elemente jener Kulturen zu kombinieren, die ihr am Herzen lagen – der jüdischen, tschechischen und deutschen Kultur.

Unter der Nazi-Okkupation gelang es ihr 1939, ihren älteren Sohn Hanuš mit einem Kindertransport nach England und dann nach Schweden zu einer Freundin zu schicken. Im Februar 1942 wurden Ilse, Willi und ihr jüngerer Sohn Tommy ins Ghetto Theresienstadt umgesiedelt, wo Ilse als Nachtschwester im Kinderkrankenhaus arbeitete. Während des Aufenthalts im Ghetto schrieb sie auf Deutsch viele Gedichte, für zwei von ihnen ist uns die von ihr komponierte Musik bekannt.

Im Oktober 1944 wurde ihr Mann ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Da sie sich von ihrer Familie nicht trennen wollte, meldete sich Ilse mit ihrem Sohn Tommy freiwillig, um sich ihrem Mann anzuschließen. Nach der Ankunft wurde sie mit ihrem Kind in die Gaskammer geschickt. Willi Weber überlebte das Lager und starb 30 Jahre später. Hanuš Weber überlebte den Krieg und ließ sich in Schweden nieder. Er starb im September 2021. Das Werk von Ilse geriet für viele Jahre in Vergessenheit. Dessen Wert wurde von Bente Kahan gewürdigt, die – mit voller Unterstützung von Hanuš – begann, die Erzählungen und die Poesie von Ilse künstlerisch aufzuarbeiten.

Biographie
Dichterin, die auf Deutsch und Tschechisch schrieb, Verfasserin von Gedichten, Liedern, Erzählungen, Theaterstücken und Radiosendungen für Kinder. Eine Krankenschwester, die sich um Kinder im Ghetto Theresienstadt kümmerte, wo sie nie zu schaffen aufhörte.

Sie wurde am 11. Januar 1903 in Witkowitz unweit von Mährisch-Ostrau als Ilse Herlinger geboren. Schon in jungen Jahren begann sie, Kindergeschichten zu schreiben, die schnell populär wurden. 1930 heiratete sie Willi Weber und wohnte in Prag, wo sie für Kindermagazine schrieb und für das tschechische Radio arbeitete. Ziel ihres Schaffens war es, Elemente jener Kulturen zu kombinieren, die ihr am Herzen lagen – der jüdischen, tschechischen und deutschen Kultur.

Unter der Nazi-Okkupation gelang es ihr 1939, ihren älteren Sohn Hanuš mit einem Kindertransport nach England und dann nach Schweden zu einer Freundin zu schicken. Im Februar 1942 wurden Ilse, Willi und ihr jüngerer Sohn Tommy ins Ghetto Theresienstadt umgesiedelt, wo Ilse als Nachtschwester im Kinderkrankenhaus arbeitete. Während des Aufenthalts im Ghetto schrieb sie auf Deutsch viele Gedichte, für zwei von ihnen ist uns die von ihr komponierte Musik bekannt.

Im Oktober 1944 wurde ihr Mann ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Da sie sich von ihrer Familie nicht trennen wollte, meldete sich Ilse mit ihrem Sohn Tommy freiwillig, um sich ihrem Mann anzuschließen. Nach der Ankunft wurde sie mit ihrem Kind in die Gaskammer geschickt. Willi Weber überlebte das Lager und starb 30 Jahre später. Hanuš Weber überlebte den Krieg und ließ sich in Schweden nieder. Er starb im September 2021. Das Werk von Ilse geriet für viele Jahre in Vergessenheit. Dessen Wert wurde von Bente Kahan gewürdigt, die – mit voller Unterstützung von Hanuš – begann, die Erzählungen und die Poesie von Ilse künstlerisch aufzuarbeiten.

Bente Kahan presents Ilse Weber

Bente Kahan präsentiert drei Lieder von Ilse Weber, die sie in Theresienstadt geschrieben hat.

Text: Ilse Weber
Musik und Gesang: Bente Kahan
Arrangements und Gitarre: Ronen Nissan

Geige: Małgorzata Wasiucionek, Malwina Kotz
Viola: Marzena Malinowska
Cello: Jan Skopowski
Kontrabass: Mirosław Mały

Lieder:
1. Die Kartoffelschälerin
2. Ein Koffer spricht
3. Polentransport

Aufnahme von einem „Unvollendete Leben” Konzert in der Synagoge zum Weißen Storch in Wroclaw, den 8. November 2017.

Wie ist die Welt so stille?

Gesang: Bente Kahan
Kontrabass: Adam Skrzypek

Gedichte von Ilse Weber aus Theresienstadt vertont und aufgeführt von Bente Kahan. Aufgenommen in der Synagoge in Görlitz, den 18. Juni 2017.

Brief an mein Kind

Text: Ilse Weber
Musik: Bente Kahan, Dariusz Świnoga

Gesang: Bente Kahan
Klavier: Dariusz Świnoga

Aufnahme aus dem „Stimmen aus Theresienstadt” CD von Bente Kahan, Teater Dybbuk – Oslo, 1996.

Ein Koffer spricht

Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main
Und ich such meinen Herrn, wo mag er nur sein?
Er trug einen Stern und war alt und blind
Und er hielt mich gut, als wär ich sein Kind.

Ich hab meinen Herrn begleitet jahraus, jahrein.
Auch diesmal ging ich mit ihm. Jetzt ist er allein.
Er war alt und blind. Wohin ist er gekommen?
Und weshalb hat man mich ihm fortgenommen?

Warum bin ich auf dem Kasernenhof geblieben?
Sein Name steht doch auf meinem Kleid geschrieben.
Nun bin ich schmutzig, mein Schloß hält nicht mehr.
Man hat mich geplündert, ich bin fast leer.

Nur ein uch ist noch da, ein Becherl dabei
Und seine kleine Blindentafel aus Blei.
Sonst ist alles fort, die Arzneien, das Brot.
Er sucht mich gewiß! Vielleicht leidet er Not?

Es muß recht schwer sein für einen Blinden,
mich in dem Stapel von Koffern zu finden.
Ich kann es auch so schwer verstehen,
weshalb wr hier nutzlos zugrunde gehen,

Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main,
ich möcht` zu meinem Herrn, er ist so allein

Polentransport

Ein Polentransport wird ausgetragen –
Wie Alpdruck liegt es über dem Haus.
Die Gruppenältesten hasten und jagen
Und sehen erkünstelt gleichmütig aus.

Man streift sie mit scheuen und angstvollen Blicken
Und denkt erschauernd: „Gilt es heute auch dir?“
Man möchte so weit wie möglich entrücken
Dem schicksalhaften Streifen Papier.

Es ist, als ginge auf lautlosen Sohlen
Das Unheil in der Kaserne um.
Wir haben so furchtbare Angst vor Polen
Und wissen selbst nicht recht, warum.

Ob leid dort harret oder Verderben,
es trägt uns keiner die Kunde zu.
Doch nach Polen gehen ist schlimmer als sterben,
denn wenn man tot ist, hat man Ruh.

Morgen bist du es, trifft`s heut auch den andern.
Wir alle sind schutlos und ohne Recht
Und müssen  friedlos weiter wandern,
als Ahasvers armes, gequältes Geschleckt.

Die Kartoffelschälerin

Ich schäle Kartoffeln den ganzen Tag
Mit hundert anderen Frauen.
Ich sitze in dem dumpfen Verschlag
Vom frühen Morgengrauen.

Ich sitze da und höre kein Wort
Von dem, was die Frauen erzählen.
Meine Gedanken sind so weit fort,
wenn meine Hände schälen.

Meine Gedanken sind voller Pein
Bei der Tochter, verschollen in Polen.
Die anderen können noch fröhlich sein
Und scherzen und lachen verstohlen.

Die braunen Knollen rollen davon
Und häufen sich in den Körben.
Nach Dachau brachte man meinen Sohn
Warum ließ Gott ihn sterben?

Und Stunde um Stunde langsam verrinnt,
wund sind und hart meine Hände.
Im Typhusspital starb mein Enkelkind.
Wann nimmt mein Leben ein Ende?

Kartoffeln, Kartoffeln, tagaus, tagein,
nur schälen immerzu schälen.
Sie schleichen in meine Träume sich ein,
und nachts mich noch zu quälen.

Die schalen beleben und ringeln sich
Und werden zu zischenden Schlangen.
Sie verfolgen und umwinden mich,
bis gnadenlos sie mich gefangen.

Und wieder kommt ein neuer Tag
Und ich sitze im Morgengrauen
Kartoffelschälend im dumpfen Verschlag
Mit hundert anderen Frauen…

Bilder von Ilse Weber und ihrer Familie aus dem Fotoalbum von Hanuš Weber

 Die Bilder wurden der Bente Kahan Stiftung von Hanuš Weber geschenkt.