10 XII 1894, Berlin — III 1943, KL Auschwitz-Birkenau

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Biographie

Autorin von Lyrik und Prosa, schrieb in deutscher Sprache im modernistischen Trend. Ihr Werk zeichnet sich durch das Gefühl der Isolation und Entfremdung aus. In ihm dominieren Frauen- und Tiergestalten, Motive von Gerechtigkeit und Erlösung.

Sie wurde am 10. Dezember 1894 in einer assimilierten deutsch-jüdischen Familie in Berlin geboren. Ihr Cousin war der Philosoph Walter Benjamin. Sie besuchte private Frauenschulen, darunter eine landwirtschaftliche Frauenschule. Sie absolvierte ein Seminar für Fremdsprachenlehrerinnen. Ihr Vater, Ludwig Chodziesner, war Jurist. Er war es, der seine Tochter überredete, Gedichte zu veröffentlichen. Gertrud debütierte 1917 mit der Sammlung Im Herbst. Das künstlerische Pseudonym „Kolmar“ kommt von dem deutschen Namen der Stadt Chodzież in Großpolen, woher die Familie ihres Vaters stammte.

1938 veröffentlichte sie das Band Die Frau und die Tiere im jüdischen Verlag „Erwin Löwe”, zwei Monate vor seiner Zwangsschließung nach den Ereignissen der Kristallnacht. Ihr Werk ist von einem Gefühl der Isolation und Entfremdung geprägt, besonders in den Gedichten, die von Erlösung, Gerechtigkeit und Metamorphosen handeln und in denen Frauen- und Tierfiguren vorkommen. Ihre Poesie wird mit den Werken französischer Symbolisten verglichen, aber Gertrud kann auch als Vertreterin der Moderne angesehen werden, was sich in ihrer modernen und individuellen Sprache zeigt. Sie ist auch Autorin von Prosatexten – des Romans Eine jüdische Mutter (1931) und der Kurzgeschichte Susanna (1940).

Ab Mitte 1941 musste sie Zwangsarbeit in einer Waffenfabrik leisten. Am 27. Februar 1943 wurde sie durch die SS verhaftet und anschließend am 2. März 1943 im sog. Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Es wird vermutet, dass ihre Briefe und persönlichen Dokumente zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung und Deportation vernichtet wurden. Das genaue Sterbedatum von ihr ist unbekannt.

Autorin von Lyrik und Prosa, schrieb in deutscher Sprache im modernistischen Trend. Ihr Werk zeichnet sich durch das Gefühl der Isolation und Entfremdung aus. In ihm dominieren Frauen- und Tiergestalten, Motive von Gerechtigkeit und Erlösung.

Sie wurde am 10. Dezember 1894 in einer assimilierten deutsch-jüdischen Familie in Berlin geboren. Ihr Cousin war der Philosoph Walter Benjamin. Sie besuchte private Frauenschulen, darunter eine landwirtschaftliche Frauenschule. Sie absolvierte ein Seminar für Fremdsprachenlehrerinnen. Ihr Vater, Ludwig Chodziesner, war Jurist. Er war es, der seine Tochter überredete, Gedichte zu veröffentlichen. Gertrud debütierte 1917 mit der Sammlung Im Herbst. Das künstlerische Pseudonym „Kolmar“ kommt von dem deutschen Namen der Stadt Chodzież in Großpolen, woher die Familie ihres Vaters stammte.

1938 veröffentlichte sie das Band Die Frau und die Tiere im jüdischen Verlag „Erwin Löwe”, zwei Monate vor seiner Zwangsschließung nach den Ereignissen der Kristallnacht. Ihr Werk ist von einem Gefühl der Isolation und Entfremdung geprägt, besonders in den Gedichten, die von Erlösung, Gerechtigkeit und Metamorphosen handeln und in denen Frauen- und Tierfiguren vorkommen. Ihre Poesie wird mit den Werken französischer Symbolisten verglichen, aber Gertrud kann auch als Vertreterin der Moderne angesehen werden, was sich in ihrer modernen und individuellen Sprache zeigt. Sie ist auch Autorin von Prosatexten – des Romans Eine jüdische Mutter (1931) und der Kurzgeschichte Susanna (1940).

Ab Mitte 1941 musste sie Zwangsarbeit in einer Waffenfabrik leisten. Am 27. Februar 1943 wurde sie durch die SS verhaftet und anschließend am 2. März 1943 im sog. Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Es wird vermutet, dass ihre Briefe und persönlichen Dokumente zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung und Deportation vernichtet wurden. Das genaue Sterbedatum von ihr ist unbekannt.

Abschied

Nach Osten send´ ich mein Gesicht:
Ich will es von mir tun.
Es soll dort drüben sein im Licht,
Ein wenig auszuruhn
Von meinem Blick auf diese Welt,
Von meinen Blick auf mich,
die plumpe Mauer Täglich Geld,
das Treibrad Sputedich.

Sie trägt die Welt in Rot und Grau
Durch Jammerschutt und Qualm
Die Auserwählten, Tropfentau
An einem Weizenhalm.
Ein glitzernd rascher Lebenslauf,
Ein Schütteln großer Hand:
Die einen fraß der Mittag auf,
Die andern schluckt der Sand.

Drum werd´ ich fröhlich sein und still,
Wenn ich mein Soll getan;
In tausend kleinen Wassern will
Ich rinnen mit dem Schwan,
Der ohne Rede noch Getön
Und ohne Denken wohl
Ein Tier, das stumm, ein Tier, das schön,
kein Geist und kein Symbol.

Und wenn ich dann nur leiser Schlag
An blaße, Küsten bin,
So roll´ ich frühen Wintertag,
Den silbern kühlen Sarkophag
Des ew´gen Todes hin,
Darin mein Antlitz dünn und leicht
Wie Spinneweben steht,
Ein wenig um die Winkel streicht,
Ein wenig flattert, lächelnd bleicht
Und ohne Qual verweht.

Der Engel im Walde

Ich aber traf ihn nachmittags im Wald.
Ein Wunder, das durch Buchenräume ging,
So menschenfern, so steigend die Gestalt,
Daß blaue Luft im Fittich sich verfing;

Das Antlitz schien ein reines, stilles Leid,
Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar,
In großen Falten schritt das weiße Kleid.
Er schaffte nichts, er sagte nichts; er war.

Und nichts an ihm, was schreckte, was verbot,
Und dennoch: keines Sterbens Weggenoß,
Daß meine Lippe, ob auch unbedroht,
Erstaunten Ruf, die Frage stumm verschloß.

Ein Blatt entwehte an sein Gürtelband,
Vergilbt und schon ein wenig krausgerollt;
Er fing und trug es in der schmalen Hand
Wie ein Geschenk aus Bronze und aus Gold.

Wer sah ihm zu ? Das Eichhorn, rot am Ast,
Und Rehe, die das Buschwerk schnell verlor.
Und Erlen wanden schon im Abendglast
Wie schwarze Schlangen züngelnd sich empor.

Er regte kaum die dünne Blätterschicht
Mit weichem Fuß. Er hatte ewig Zeit
Und zog: wohin? In Stadt und Dörfer nicht;
Er wallte außer aller Wirklichkeit.

Nicht unsre Not, nicht unser armes Glück,
Nur keusche Ruhe barg sein Schwingenpaar
Ich folgte nach und stand und blieb zurück.
Er brachte nichts, er sagte nichts: er war.

Der Misshandelte

In meiner Zelle brennt die ganze Nacht das Licht.
Ich stehe an der Wand und schlafen darf ich nicht;

Denn alle zehn Minuten kommt ein Wärter, mich zu schaun.
Ich wache an der Wand. Sein Hemd ist braun.

Die andern kehren wieder, unterhalten sich
Mit meinem Schrein und Stöhnen, lachen über mich,

Sie recken mir die Arme gewaltsam, nennen’s Sport.
Ich breche in die Knie … und endlich gehn sie fort.

Ich sah nicht Bäume, Sonne – ob es die wirklich gibt?
Ob wo ein armes Kind noch seinen Vater liebt?

Kein Zeichen mehr, kein Brief – und ich habe doch eine Frau!
Sie sagten: »Du bist rot; wir schlagen dich braun und blau.«

Sie peitschten mit stählernen Ruten und mein Rumpf war bloß…
O Gott! O Gott! Nein, nein! Ich bin ja glaubenslos,

Ich habe nicht gebetet im Felde, im Lazarett,
Nur abends als kleiner Junge, und die Mutter saß am Bett.

Die Erde ist Kerkergruft, der Himmel ein blaues Loch.
Hörst du, ich leugne dich! Mein Gott… ach, hilf mir doch!

Du bist nicht: wenn du wärst, erbarmtest du dich mein.
Jesus litt für euch alle; ich leide für mich allein.

Ich steh’ und sinke ein bei Wasser und wenig Brot
Stunden und aber Stunden. Wie gut, wie gut ist der Tod!

Hingelegt… und verschlossen in tiefem, dunklem Schacht
Keine grelle Lampe. Nur Schlaf. Nur Stille. Nacht…

1933

The copyright owner of Gertrud Kolmar’s portrait is Yad Vashem.
Käthe Gertrud Chodziesner Kolmar, Yad Vashem, Hall of Names photos, Archival Signature: 15000/14121875